[RZ] Linksrock für antifaschistische Perspektiven

Wir verweisen auf einen Artikel von linksunten.indymedia.org

IMG_6537Zum siebten Mal in Folge lädt das «Linksrock fürn Euro» nun zu Politik und Party in Büchen: Treibender Ska, wütender Punk und gekonnter Electro sorgen fürs musikalische Wohlbefinden – Infostände bieten Gelegenheit zum politischen Austausch. Unser Konzertabend hat eine politische Botschaft: Er richtet sich klar gegen extrem rechte Strukturen und Rassismus. Die rechte Szene im Herzogtum Lauenburg ist mittlerweile nicht mehr am Schrumpfen, sondern im Aufwind: Büchen und Schwarzenbek sind die neuen Zentren von aktiven rechten Gruppen. Neben den etablierten Parteikadern der NPD im Kreis Herzogtum Lauenburg, wie etwa der Kreisverbandsvorsitzende Simon Haltenhof aus Labenz, und der Jugendorganisation der NPD, der JN, deren Mitglied der Mitbegründer der mittlerweile aufgelösten Kameradschaft „Nationale Sozialisten/Nationale Offensive Lauenburg“ Dominic Rösch aus Ziethen, tummeln sich im Kreis noch immer aktive Kameradschaftler, wie Tim Jessen aus Hornbek oder Norman Krüger aus Mölln. Hinzu kommen in den letzten Jahren vermehrt Jugendliche, die sich für die rechte Gesinnung empfänglich zeigen. […]

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[Escheburg-Prozess] Keine Tränen für Müller

Wir haben den Prozess gegen Kim-Alexander Müller verfolgt. Nun ist ein längerer Bericht erschienen, den ihr HIER lesen könnt. Neben Einzelheiten des Prozesses kommentieren wir dort auch das Geschehene und greifen nochmals offene Fragen auf.

Bereits vor zwei Wochen haben wir uns mit dem Freien Sender Kombinat über den Prozess unterhalten. Die betreffende Sendung zum Nachhören findet ihr HIER

Übrigens: die neuesten Infos gibt es auch auf unserem Twitter Kanal.

Ungeklärt – Der erste Prozesstag

In der nächsten Woche erscheint ein umfassender Bericht zur Verhandlung über den Brandanschlag in Escheburg. Da das Bild in den hiesigen Medien zum Prozessauftakt etwas verzerrend wirkt, für uns einige Fragen ungeklärt sind und wir Kritik am Vorgehen der Justiz haben, gibt es vorab diesen Kommentar.

Der Prozess gegen den Finanzbeamten Kim Alexander Müller begann wenig überraschend mit einem Geständnis des Angeklagten. Es stimme, dass er die Tat aus dem Motiv heraus, dass die Geflüchteten vorerst nicht einziehen könnten, begangen habe. Dies sollte Zeit schaffen, bis ein Anwalt Verfahrensfehler gefunden hat, um den Einzug von Flüchtlingen in seine Nachbarschaft zu verhindern. Seinen ursprünglichen Plan, lediglich mit einem Hammer die Scheibe einzuschlagen, verwarf er, als er den Pinselverdünner und Streichhölzer entdeckte. Damit bewaffnet ging er ans Terrassenfenster, schlug dieses ein, kippte den Verdünner durch das Loch, warf den Kanister hinterher und entzündete die Flüssigkeit. Danach fuhr er wie selbstverständlich Einkaufen. Er nahm in Kauf, dass Handwerker_innen, die sich potentiell in dem Gebäude aufhalten könnten, ebenso wie Nachbar_innen durch die Brandlegung hätten verletzt werden können.

So klar und deutlich er zwar seine Tat beschreibt, ergeben sich bereits erste Fragen. Wieso rechnet ein studierter Finanzbeamter, der nicht gerade dumm wirkt, damit, dass ein paar Glasscherben im Innenraum des Wohnzimmers den Einzug von Flüchtlingen in das Gebäude mehrere Tage oder Wochen verhindern würden? Ist dieser Teil seines Geständnisses eine Schutzbehauptung, um den Vorsatz, eine geplante Tat, abzuwenden und das Strafmaß zu mildern?

Springen wir chronologisch noch einmal zurück. Am gleichen Tag der Tat stürmten einige Anwohner_innen das Büro der Verwaltungschefin, nachdem der stellvertretende Bürgermeister Escheburgs diese dazu aufhetzte, und setzen diese unter Druck. Die Situation eskalierte, einige äußerten Gewaltfantasien, um den Einzug zu verhindern. Wieder in der Siedlung angekommen, stellten sie fest, dass in beiden Doppelhaushälften der Einbruch versucht worden ist. Lediglich eine Nachbarin kam auf die Idee die Polizei zu verständigen, während der Rest sich im Garten des Hauses aufhielt. Während die Polizei auf dem Weg ist, klirren Fensterscheiben. Die äußere Scheibe der Doppelverglasung der Terrassentür, durch die Kim Alexander Müller später den Brand legen sollte, wird eingeschlagen. Interessanterweise will niemand der Anwesenden etwas mitbekommen haben, alle hätten sich angeblich bereits wieder vom Tatort entfernt, niemand wartete auf die Polizei und niemand ging in einer Nachbarschaft wo man sich doch sorgt und kümmert, nachsehen wenn man eine Scheibe klirren hört. Wer soll das glauben?

Während seiner Einlassungen bricht der Angeklagte mehrmals in Tränen aus. Er schäme sich für die Tat – schließlich ist er ein pflichtbewusster Beamter und gläubiger Christ. Die Folgen und Auswirkungen seines Handelns hätte er nicht abschätzen können. Damit meint er nicht etwa die Folgen für die Asylsuchenden, denen er den Wohnraum raubte und sie damit obdachlos machte, für die ehrenamtlichen Helfer_innen in Escheburg, für die seine Tat einem Schlag ins Gesicht gleichkommt oder die Bestätigungen aus der rechte Szene – nein, er meint die Folgen für sich und seine Familie. Dass er seinen Job verlieren wird, dass Eheprobleme entstanden, er Angst hatte, seitens den Nachbar_innen in Ungnade zu fallen (was im Übrigen nicht der Fall war, schließlich hat man ja nur etwas gegen kriminelle Ausländer und nicht gegen kriminelle Deutsche), Angst um seine kleine Tochter – das alles scheint im wichtiger, kein Zeichen einer Entschuldigung.

Aber er sei kein „Ausländerfeind“, die Tat war keine „ausländerfeindliche Tat“. Wer eine Flüchtlingsunterkunft anzündet aus einer diffusen Angst vor allem Fremden heraus, wer Angst um Gründstückspreise, die Dorfsicherheit und vor Vergewaltigungen hat, nur weil im Haus gegenüber ihm unbekannte Flüchtlinge einziehen, der ist für uns ein Ausländerfeind – ein Rassist.

Und dann war da noch der Anruf.

Eine wichtige Frage, die vor Gericht versucht wird zu klären, ist ob die Tat geplant worden war. Eine Zeugin möchte gehört haben, wie eine Anwohnerin gegenüber ihrem Mann nach der Tat am Telefon „so did … make it true“ gesagt haben soll. Dies spräche dafür, dass sich Nachbar_innen über die Tat im Klaren waren und möglicherweise die Tat gemeinsam planten. Sowohl die Anwohnerin als auch ihr Mann, der überraschend während der Vernehmung doch wieder die deutsche Sprache verstand, fühlten sich von den Fragen der Richter_innen genervt und als Opfer einer Hetzkampagne. Sowieso sei doch „die ganze Sache nicht so schlimm“, schließlich sei ja nur ein wenig Laminat angebrannt. Die wahren Opfer sind die Anwohner_innen, denn bis in den Nacht war alles von Baustrahlern erleuchtet, die viele Polizei und Presse belagerten den Ort. Eine Täter – Opfer – Umkehr wie sich im Buche steht.

Und die Polizei?

Dann war da noch der Beamte des in politischen Kreisen bereits bekannten Kommissariats 5 aus Lübeck. Der konnte sich nicht mehr erinnern, wann dem Angeklagten die Ergebnisse des DNA Abgleichs mitgeteilt worden sind. Möglicherweise geschah dies zwei Tage vor dem Haftantrag per Telefon. Er konnte sich auch nicht mehr daran erinnern, warum er den Angeklagten am Tag vor der Verhaftung abholte und vernahm oder was der Inhalt des Gespräches war.

Alles in allem sind wir äußerst enttäuscht vom bisherigen Verlauf. Brennende Fragen werden nicht geklärt, man scheint froh über das Geständnis, damit der Prozess schnell beendet ist. Schlüsselfiguren des Geschehen werden nicht vorgeladen (der stellvertretende Bürgermeister, Zimmermann vom K5, erneute Vorladung der Betroffenen bezüglich des Telefonats) und der Rassismus des Angeklagten und der Anwohner_innen („Bei uns hat niemand was gegen Ausländer, mein Mann ist selber Ausländer“) findet kaum Erwähnung im Prozess, Polizei und Justiz wirken dilettantisch.

Bericht des NDR [KLICK!]

 

 

Überblicksartikel zur Situation in Mölln und Umgebung

Dass es in den 90ziger Jahren auch in Mölln ein Problem mit Neonazis gab, ist kein Geheimnis. Überliefert sind uns die Auseinandersetzungen zwischen rechten Skins und Antifaschist_innen in Mölln und Umgebung durch das damalige Informationsblatt der „Antifa Jugendfront Mölln“. Im Folgenden soll ein kleiner Überblick über die Neonaziaktivitäten Anfang der 90ziger Jahre gegeben werden, um anschließend auf die Aktivitäten lokaler Neonazis der letzten Jahre hinzuweisen.

Oktober 1992

Am 14.10.1992 stecken Neonazis einen Kornspeicher in Mölln in Brand. Der alte Kornspeicher sollte in Zukunft als Unterkunft für Flüchtlinge dienen. Ein rassistisches Tatmotiv ist offensichtlich, so finden sich an den verbliebenen Wänden gesprühte rechte Parolen wie u.a. „Ausländer raus“. Vorausgegangen waren bereits Anschläge auf Asylbewerberunterkünfte in Gudow und anderen Orten im Kreis Herzogtum Lauenburg.

Die Neonaziszene im Kreis konnte sich von der Öffentlichkeit und der Staatsmacht ungestört formieren und auftreten. In lokalen Kneipen versuchten rechte Akteure ihre extrem rechte Propaganda salonfähig zu machen und fanden nicht selten Gehör bei Möllner Bürger_innen. Doch die rechten Skinheads setzten auch ihre Stammtischparolen in die Tat um. So wurden Antifaschist_innen, jene, die als einzige Kraft dem rechten Treiben etwas entgegensetzten, durch die Stadt gejagt oder auf dem örtlichen Herbstmarkt verprügelt. Dass Menschen, die nicht in ein Bild von deutscher Volksgemeinschaft passten, den jährlich stattfindenden Herbstmarkt lieber meiden sollten, war ebenfalls kein Geheimnis. Damals wie heute ist der Möllner Herbstmarkt Anlauf- und Treffpunkt der norddeutschen Neonazi- und Skindheadszene. Wer nicht in ihr Weltbild passte, sich an ihrem Auftreten, den Parolen, rassistischen Liedern und Hitler-Grüßen störte, wurde angegangen oder verprügelt.

Um auf die rechten Aktivitäten aufmerksam zu machen und der rechten Hetze etwas entgegenzusetzen, veranstaltete die „Antifa Jugendfront Mölln“ am 31.10.1992 eine Demonstration in Mölln. Aufgrund des damaligen Potentials rechter Jugendlicher und junger Erwachsener, rechneten die Antifaschist_innen fest mit dem Erscheinen von Neonazis. Bereits kurz nach dem Start der Demonstration mit rund 400 Teilnehmer_innen zeigten sich 30 Neonazis aus dem Kreis und dem nahen Schwerin. Die Polizei reagierte überrascht und überfordert, die Antifaschist_innen entschieden sich für eine friedliche Fortsetzung der Demonstration. Die Neonazis versuchten, die Situation zum Eskalieren zu bringen. Weil am Abend erneut 40 Neonaziskins auf dem Herbstmarkt ungestört feierten, schlossen sich 150 Antifaschist_innen zu einer Spontandemonstration zusammen. Durch gezielte antifaschistische Intervention mussten mehrere Neonazis die Nacht im Krankenhaus verbringen. Auf der Demonstration fragte ein Transparent der „Antifa Jugendfront Mölln“ nach der Kontinuität rassistischer Ausschreitungen: „Hoyerswerda, Rostock, Mölln?“ und sollte damit auf tragische Weise recht behalten.

November 1992

In der Nacht auf den 23.11.1992 verübten die beiden Neonazis Lars Christiansen und Michael Peters zwei Brandanschläge auf überwiegend von türkischen Familien bewohnte Häuser in Mölln. Beim Anschlag auf das Haus in der Ratzeburger Straße werden mehrere Menschen z.t. schwer verletzt, in der Mühlenstraße sterben die 10jährige Yeliz Arslan, die 14jährige Ayse Yilmaz und die 51jährige Bahide Arslan, weitere Familienmitglieder werden z.t. schwer verletzt. Durch die Bekenneranrufe der beiden Neonazis wird klar, dass es sich um ein rassistisches Tatmotiv handelt, trotz alle dem verbreiten sich andere Gerüchte zum Tathergang, die leider bis heute bestehen bleiben.

Am Abend des 23.11.1992 finden sich 6000 Menschen zusammen, um ihre Wut und Trauer auf die Straße zu tragen. Antifaschist_innen handeln und statten örtlichen Neonazis Hausbesuche ab. Nach Aussagen von Neonazis wurden diese durch vielfältige Aktionen und durch polizeiliche Ermittlungen stark eingeschüchtert, sodass viele von ihnen sich (vorerst) zurück zogen und einige ihre politischen Aktivitäten einstellten. Festzuhalten bleibt, dass nicht nur die Möllner Zivilgesellschaft, die lokalen Medien, die fleißig hetzten, sondern auch die Polizei versagt hat. So zeigt sich ein Möllner Neonazi im Interview mit der „taz“ im Dezember 1992 zu den beginnenden polizeilichen Ermittlungen überrascht, denn die Polizei habe sie, die Neonazis, mehr oder weniger „machen lassen“.

Am 28.11.1992 gab es als Reaktion auf die Brandanschläge in Mölln eine Demonstration mit 15.000 Teilnehmer_innen. Während der kraftvollen Demonstration werden auch die Scheiben der damaligen Kneipe und Neonazi-Treffpunkt „Hanseat“ zerstört. In Mölln und Umgebung scheint man sich einig: es muss etwas gegen Neonazis unternommen werden, die Ereignisse dürfen sich nicht wiederholen.

Etliche Jahre Später

Anfang der 2000er Jahre stellten lokale Antifaschist_innen ein erneutes Erhärten extrem rechter Strukturen fest. Die Neonazis im Kreis Herzogtum Lauenburg konnten immer mehr an Zulauf gewinnen. Parallel dazu scheinen die vergangenen Ereignisse in Vergessenheit zu geraten. Das jährliche Gedenken in Mölln wird seitens der Stadt, dem Bürgermeister und lokalen Politiker_innen eher als Event zur Selbstbeweihräucherung und Selbstinszenierung benutzt. Man setzt ein betroffenes Gesicht auf, lässt sich mit den Angehörigen der Verstorbenen und den Opfern der Brandanschläge ablichten und klopft sich gegenseitig auf die Schulter, um sich selbst zu vergewissern, dass sich Mölln nicht wiederholen könne – man sei ja weltoffen und tolerant.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Aufgrund dessen haben sich antifaschistische Gruppen gemeinsam mit dem VVN/BdA und der Partei Die Linke dazu entschieden, seit 2007 eigene Gedenkveranstaltungen zu veranstalten, mit dem Anspruch, an das Geschehene zu erinnern und die aktuellen Entwicklungen nicht aus dem Blick zu verlieren. Ein wichtiges Anliegen war es, die Brandanschläge in die deutschen Verhältnisse und die Stimmung Anfang der 90ziger Jahre einzubetten, die rassistische Kontinuität aufzuzeigen und über lokale Neonazistrukturen und Aktivitäten aufzuklären. Dies führte zu einem Bruch mit der Stadt Mölln und dem als Reaktion auf die Brandanschläge gegründeten Verein „Miteinander leben“. Seit 2011 gibt es Kontakt zu den Überlebenden und Familienangehörigen der Verstorbenen. Zum zwanzigsten Jahrestag der rassistischen Brandanschläge gab es eine Vielzahl an Veranstaltungen, darunter eine bundesweit beworbene Gedenkdemonstration.

Zwischenzeitlich schien es so, dass die Möllner und Ratzeburger Zivilgesellschaft das Neonaziproblem im Kreis anerkannte. Die Neonazis waren schlichtweg auch einfach nicht mehr zu ignorieren. In Ratzeburg gab es das sogenannte „NS-Haus“, eine WG von Neonazis, zuerst in der Schmiedestraße, später in der Langenbrücker Straße. In diesem Haus trafen sich freie Kameradschaften, autonome Nationalisten und NPD-Funktionäre, um gemeinsam zu feiern und sich zu politisieren. Gerade auf örtliche Jugendliche besaß das „NS-Haus“ teilweise eine große Anziehungskraft.

Rechtes Propaganda Material wurde flächendeckend verklebt, gemeinsam zu Demonstrationen gefahren, eine rechte Kundgebung auf dem Ratzeburger Marktplatz angemeldet. Jener Marktplatz wurde zur „national befreiten Zone“ erklärt. Dieser Anspruch wurde durch körperliche Gewalt durchgesetzt. Alternative Jugendliche, bekennende Antifaschist_innen und Migrant_innen oder Menschen, die dafür gehalten wurden, wurden bedroht, verfolgt und geschlagen. Im gesamten Kreisgebiet verbreiteten sich Neonazis und machten keinen Hehl aus ihrer Gesinnung. Am ersten Weihnachtsfeiertag 2007 griffen Neonazis antifaschistische Jugendliche in der Langenbrücker Straße an. Der Neonazi Christian Wachholtz schlug einen Jugendlichen mit einer Dachlatte nieder und verletzte ihn schwer.

Durch starkes antifaschistisches Engagement, interne Streitigkeiten und Gerichtsprozessen kam es 2010/2011 zur Auflösung des „NS-Haus“ und zur Auflösung der bekanntesten Kameradschaft „Nationale Sozialisten / Nationale Offensive Lauenburg (NaSo Lb)“. Wenig später stand es auch im den Kreisverband der NPD schlecht. Nach wenigen Jahren der offensichtlichen Ruhe sind es zum Teil alte Gesichter, die sich erneut öffentlich politisch betätigen. So sprühte der ehemalige Kopf der aufgelösten „NaSo Lb“ gemeinsam mit einem unbekannten Täter Morddrohungen gegen engagierte Politiker_innen und eine Pröbstin an öffentliche Gebäude, Privatwohnungen und Privatautos. Im Prozess gab er die meisten Taten zu und wurde rechtskräftig verurteilt. Wenige Wochen zuvor trafen sich in der Silvesternacht zu 2012 etwa 15 Neonazis auf dem Marktplatz in Ratzeburg. Sie kamen aus der Richtung des ehemaligen „NS-Hauses“ in der Langenbrücker Straße. Betrunken gröhlten sie Parolen, riefen „Sieg-Heil“ und attackierten die Polizei erst mit Flaschen und Böllern, beim Versuch einer Festnahme schließlich auch mit Fäusten und Tritten. Neben auswärtigen Neonazis stach hierbei der Möllner Norman Krüger als Rädelsführer hervor. Im späteren Prozess gestand sich dieser sein Alkoholproblem ein, will sich allerdings an nichts erinnern können. Im Vorfeld der Gedenkdemonstration 2012 tauchten in der Stadt Mölln mit Schablonen gesprühte Schriftzüge, u.a. „Nationaler Sozialismus jetzt“, auf. Ein örtlicher Neonazi verriet seinen Kameraden bei der Polizei, weil nach er nach eigenen Angaben von „ausländischen Mitbürgern“ als Schuldiger ausgemacht und beleidigt worden sei. Da er mit den „autonomen Nationalisten“ ein Problem habe und sie durch derlei Aktionen der Bewegung schaden würden, gab er der Polizei den entscheidenden Tipp, der zur Verurteilung des Möllner Neonazis Marco Schmidt führte.

Die beiden ehemaligen Mitglieder der „Nationalen Sozialisten /Nationale Offensive Lauenburg“ Tim Jessen und Dominic Rösch waren kurze Zeit beim mittlerweile aufgelösten „Aktionbündnis Lübeck / Stormarn“ aktiv und betätigten sich als Wahlkampfhelfer für die NPD im Kreis Herzogtum Lauenburg. Nach dem sich dessen Vorstand von der Partei u.a. wegen des anhaltenden antifaschistischen Drucks abgewendet hatte, ließ sich der noch junge Simon Haltenhof zum Vorsitzenden des Kreisverbandes Lauenburg / Stormarn wählen. Haltenhof unterhält Kontakte zu höheren NPD Funktionären sowie zu freien Kameradschaften und „autonomen Nationalisten“. Gemeinsam mit Tim Jessen und Dominic Rösch fährt er zu Demonstrationen, verklebt Plakate und Sticker und verteilt Flyer. Statt wie früher durch öffentliche Aktionen und körperliche Gewalt aufzutreten, scheinen die organisierten Neonazis vermutlich mit Hinblick auf ihr Engagement in der NPD ihre Taktik zu ändern. Abseits von Demonstrationen sind die Akteure der rechten Szene selten als solche zu erkennen. Vielmehr versucht man durch klandestine Treffen und Veranstaltungen die Szene zu stärken und über soziale Medien neue Kräfte anzuwerben. Darüber hinaus wird die Propaganda ausgelagert, sodass Plakate und Sticker nach Möglichkeit nicht auf die NPD und Haltenhof zurück zu verfolgen sind. So treffen sich organisierte Neonazis im gesamten Kreisgebiet, um nachts Sticker und Plakate zu verkleben, rechte Parolen zu sprühen oder schlichtweg um zu saufen. In Ratzeburg, Mölln, Schwarzenbek, Geesthacht und Büchen, um nur mal die größeren Orte des Kreises zu nennen, fanden sich so in den vergangenen Monaten vermehrt Plakate und Aufkleber, die auf den „Nationalen Widerstand Schleswig-Holstein“ zurück zu führen sind. Ihre Spuren scheinen die Neonazis allerdings nicht gut zu verwischen: als V.i.S.d.P. ist der NPD Funktionär Martin Vorwerk aus Ahrensburg, der gemeinsam mit Haltenhof den Vorsitz des Kreisverbandes innehat, aufgeführt.

Am 13.12.2014 organisieren die Genoss_innen der „Anarchistischen Gruppe Schwarzenbek“ aufgrund der Klebeaktionen und der verstärkten öffentlichen Präsenz der Neonazis in Schwarzenbek eine Demonstration.

Und das Gedenken heute?

Die Reaktion des Möllner Bürgermeisters Jan Wiegels auf die angesprochenen Schmiereien vor dem 20. Jahrestag der Brandanschläge offenbart, worum es den Politiker_innen in Mölln wirklich geht. Er erkennt in den nationalistischen und faschistischen Graffiti in Mölln keinen Anlass, sich mit neonazistischen und rassistischen Strukturen auseinanderzusetzen oder diese zumindest anzuerkennen. Seine Sorge gilt am nächsten Tag nicht etwa den Betroffenen und potentiell Betroffenen von rassistischer und neonazistischer Gewalt. Ferner sorgt ihn auch nicht die sich wieder in die Öffentlichkeit trauende Neonaziszene. Einzig und allein sorgt er sich um das Ansehen und das Image der Stadt Mölln als vermeintlich weltoffene Stadt. So appelliert er an „alle Hausbesitzer, diese Machwerke schnellstmöglich zu entfernen, gerade unmittelbar vor dem Jahrmarkt, zu dem viele auswärtige Besucher nach Mölln kommen“. Kaum auszudenken wäre der Schaden für die bundesweit als Tourismusstadt bekannte Stadt Mölln, fiele der ein oder anderen Person doch die Schmierereien auf. Die Stilisierung des Jahrmarktes als jährlicher Publikumsmagnet und als größtes Aushängeschild Möllns wirkt für uns Antifaschist_innen gerade zu zynisch und grotesk. Waren es doch die Herbst- und Jahrmärkte, auf denen es seit Anfang der Neunziger Jahre immer wieder zu Übergriffen auf Migrant_innen und Antifaschist_innen gekommen war. Auf diesen Märkten versammelten sich bevorzugt Neonazis aus dem Kreis Herzogtum Lauenburg sowie aus anderen Städten, da sie sich über ihre personelle Hegemonie auf den Herbst- und Jahrmärkten bewusst waren. Nicht nur Tourist_innen, denen gegenüber sich Mölln als eine Stadt „friedliche[n], kooperative[n] Miteinander[s] sämtlicher Einwohner/innen, unabhängig von Herkunft und Religion“ präsentieren will, sondern gerade Neonazis und Rassist_innen finden an diesen Tagen den Weg nach Mölln, um in alter Tradition das vermutlich größte Volksfest des Kreises zu besuchen. So kam es auch auf dem anschließenden Herbstmarkt zu Auseinandersetzungen mit einer Personengruppe, welche neonazistische „Anti-Antifa“-Kleidung trug und sich damit unbehelligt auf dem Herbstmarkt bewegen konnte.

Statt den Betroffenen und Opfern der Brandanschläge einen Rahmen für ein würdiges Gedenken an die Toten zu geben, scheinen die Politiker_innen und die Verantwortlichen der Stadt Mölln mehr am Ansehen der Stadt interessiert zu sein. Opfer des Geschehenen, die dazu auch noch ihre Stimme erheben und vor Neonazis und rechter Stimmung in Mölln warnen, stören dabei. Eigentlich ist man des Gedenkens leid und will vergessen. Nach zwanzig Jahren soll anscheinend, wenn es nach der Stadt geht, endlich einmal Schluss sein.

Zu einer ähnlichen Reaktion kam es, als jüngst die örtliche Moschee in Mölln Ort rassistischen Hasses geworden ist. Eine bisher unbekannte Person urinierte in das Treppenhaus des Glaubenshaus, zuvor wurde ein Beutel mit verwestem Fleisch und Farbe an den Eingang geworfen. Später tauchte ein rassistisches Schreiben auf, in dem die Mitglieder der türkischen Gemeinde aufgefordert wurden, Mölln zu verlassen. Statt nun einzusehen, dass Mölln von einem friedlichen Miteinander weit entfernt ist, wurden die Ereignisse vorerst der Öffentlichkeit vorenthalten und erst nach einigem Druck auf die Verantwortlichen öffentlich gemacht. Offiziell wurde dieses Vorgehen mit der Angst vor Nachahmungstäter_innen begründet. Da trotz Geheimhaltung allerdings drei verschiedene Taten geschehen konnten, scheint der wahre Grund eher der Verlust des Ansehens Möllns gewesen zu sein. Nicht um die Menschen in Mölln wird sich hier gesorgt, sondern um die Stellung als Tourismusstadt. Der wahre Narr ist in Mölln nicht Till Eulenspiegel, welcher als Skulptur verewigt auf dem Kirchberg sitzt, sondern der Bürgermeister Jan Wiegels.

Zur Fußballweltmeisterschaft der Männer 2014 sammelten sich Jugendliche und Erwachsene auf den Straßen Möllns, um den Sieg der Nationalmannschaft über die portugiesische Auswahl zu feiern. Dabei kam es zu rassistischen Äußerungen und „Sieg-Heil“ Rufen. In den Medien wurde lediglich über die ausgelassene Stimmung und die leichten Verkehrsbehinderungen berichtet.

Auch in diesem Jahr wollen wir deshalb gemeinsam mit verschiedenen Gruppen und Initiativen sowie den Angehörigen der Betroffenen und den Opfern der Brandanschläge an die furchtbaren Taten erinnern und den Verstorbenen gedenken. Die Stadt Mölln weigert sich seit letztem Jahr, Räumlichkeiten bereit zu stellen. Deshalb fand das diesjährige Gedenkkonzert bereits in Lübeck statt. Die „Möllner Rede“ findet auch in diesem Jahr im Exil statt und zwar im Glockenhaus in Lüneburg. Rednerin ist Adetoun Küppers-Adebisi. Sie ist Diplom-Wirtschaftsingenieurin und schreibt an ihrer Doktorarbeit zu Gender und postkolonialem Wastemanagement zwischen Deutschland und Afrika. Die Präsidentin von AFROTAK TV cyberNomads, dem Schwarzen Deutschen Kultur, Medien und Bildungsarchiv infiltriert mit eigenen Wissensmanagement-Ansätzen den weißen Mainstream. Gegenwärtig arbeitet die Autorin und Publizistin als Lehrbeauftragte für Schwarze,- und Afrikanisch-Deutsche Literatur an der Humboldt Universität zu Berlin. Am 23.11. wollen wir dann gemeinsam mit euch vor dem Brandhaus in der Mühlenstraße ab 15 Uhr eine Gedenkkundgebung veranstalten. Nähere Informationen zum Ablauf findet ihr demnächst auf www.gedenkenmoelln1992.wordpress.com sowie auf www.ahl-antifa.org. Wir freuen uns über zahlreiches Erscheinen. Außerdem freuen wir uns über Werbung auf unterschiedlichen Plattformen und Kanälen für die Veranstaltungen im November.

Antifa Herzogtum Lauenburg

Termine:

Donnerstag, 06. November 2014

Möllner Rede im Exil“

Ort: Glockenhaus
Beginn: 19.00 Uhr
Anschrift: Glockenstraße 9, 21335 Lüneburg
Eintritt Frei

Sonntag, 23. November 2014
„Reclaim and Remember“
Offenes Gedenken an Bahide und Yeliz Arslan und Ayşe Yilmaz
Ort: Vor dem Bahide-Arslan-Haus
Beginn: 15.00
Ende: 19.00 Uhr
Anschrift: Mühlenstraße 9, Mölln
Offenes Gedenken

weitere Mobilisierungsveranstaltungen siehe:

http://gedenkenmoelln1992.wordpress.com/

Refugees Welcome – Fight Rascism

Im Folgenden dokumentieren wir einen Artikel von linksunten.indymedia.org

 

“In der Nacht vom 01.07.2014 auf den 02.07.2014 wurde in Lübeck, das Parteibüro der Grünen mit dem Schriftzug “Refugees Welcome – Fight Racism” verschönert. Wir zeigen mit dieser Aktion unsere Solidarität mit den Refugees in der besetzten Gerhart Hauptmann Schule.
Zu den Hintergründen und der aktuellen Situation hier und hier.

Zeigt euren Protest gegen die rassistische Politik in allen Formen, in jeder Stadt immer und überall!

Für Bleiberecht!
Gegen Abschiebungen!
Gegen Gefahrengebiete und Sperrbezirke!
Gegen paramilitärische Polizei!”

WM und Nationalismus

Die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien ist für viele Menschen Anlass, die deutsche Nationalfahne zu hissen, als Autofähnchen spazieren zu fahren oder den eigenen Körper qua Schminke unter das Diktat der Farben schwarz-rot-gold zu setzen. Mehrere wissenschaftliche Publikationen haben nationalistische und patriotische Einstellungen von Deutschen vor und nach Weltmeisterschaften untersucht und heraus gefunden, dass durch ein Event wie die Weltmeisterschaft oder Europameisterschaft die Identifikation mit dem “eigenen” Land steigt und nationalistische Einstellungen salonfähiger werden.

Die deutsche Bevölkerung ist froh, kann sie doch zu einer Weltmeisterschaft anscheinend unbeschwert die staubige Fahne aus dem Keller hervorkramen und endlich wieder stolz auf ihr Land sein. Oftmals wird dabei argumentiert, dass das eigene Bekenntnis zur Nation lediglich ein gesunder Patriotismus darstelle, ja, dass man doch endlich mal stolz auf sein Land sein dürfe und man auch andere Länder und Nationen toleriert und nur gemeinam feiern will.

Wie das dann in der Kleinstadt Mölln im Kreis Herzogtum Lauenburg aussieht, verdeutlicht dieses Video, aufgenommen nach dem Spiel zwischen der deutschen und portugisieschen Nationalmannschaft. Unter anderen sind mehrere “Sieg-Heil”-Rufe zu vernehmen.